Werner Kalinka, Sozialpolitiker der CDU-Landtagsfraktion, sprach beim öffentlichen Symposium am 28. November 2018:
„Sehr geehrte Damen und Herren, Herr Minister,
die Vergangenheit im Kopf, die Zukunft in der Hand - so ist die heutige Veranstaltung überschrieben. Vergangenheit und die Erinnerungen daran prägen jeden Menschen, sie begleiten uns auf unserem Lebensweg, sie beeinflussen unser Denken und Handeln.
Besonderes Gewicht liegt auf den Erinnerungen und Erfahrungen, die wir in der Kindheit machen. Gerade wegen der starken prägenden Kraft der ersten Lebensjahre gehören Kinder in unserer Gesellschaft zu denjenigen, die am meisten Schutz benötigen, gleichzeitig sind sie diejenigen, die diesen am wenigsten für sich selbst gewährleisten können.
Oft haben die Gesellschaft selbst und deren Institutionen dabei eine unterstützende Funktion - zum Beispiel in Form von Schule ‑, manchmal jedoch übernehmen Gesellschaft und Staat in besonderer Weise Verantwortung.
Besonders für Menschen in der Obhut von Einrichtungen - und in direkter Verantwortung des Staates, hier der Landes - sind Schutz und Unterstützung von größter Wichtigkeit. Der Staat muss Garant für die Menschwürde sein.
Nicht immer und überall ist es in der Vergangenheit gelungen, diesem Anspruch gerecht zu werden. Aber die Ereignisse und Erlebnisse, die Anlass für die heutige Veranstaltung gegeben haben, gehen weit über einen verantwortungslosen Umgang mit Kindern und Jugendlichen hinaus: Es handelt sich um Geschehnisse - man muss sie als kriminelle Delikte bezeichnen ‑, die man sich nur schwer vorstellen kann, wenn man nicht selbst in einer solchen Situation war. Wir sprechen heute darüber, was diejenigen erlebten, die in Einrichtungen gelebt haben, die eigentlich für ihren Schutz hätten sorgen sollen.
Kliniken und Einrichtungen der Behindertenhilfe und der Kinder- und Jugendpsychiatrie haben diesen Schutz nicht immer geboten. Stattdessen haben wir in den vergangenen Jahren nach langen Jahren des Schweigens viel von schlimmen Verfehlungen erfahren - und die Wahrheit ist die, dass es Vorkommnisse gab, die mit Menschenrechten nicht vereinbar sind und uns fassungslos machen.
Der Vertrauensbruch, der damals geschehen ist, hat bei vielen Betroffenen zu einem - schweren - Vertrauensverlust geführt. Wir können das Geschehene nicht rückgängig machen, aber wir können versuchen, die Hand des Vertrauens zu reichen und nach Wegen zu suchen, Versäumtes nachzuholen.
Ich möchte Ihnen, die Sie bereit waren und sind, ihr Schicksal auch öffentlich zu machen, herzlich danken. Sie setzen Maßstäbe für Mut, für Selbstvertrauen, für Ungebeugtheit, für Haltung. Sie fordern zu Recht mehr Gerechtigkeit.
Heute geht es in besonderer Weise darum, das zu tun, was nach den traumatisierenden Erlebnissen, die viele von Ihnen hatten, bisher nicht auch nur annähernd ausreichend geschehen ist: Wir hören zu, wir signalisieren: Ihre Sorgen sind bei uns angekommen. Das große Leid und das schwere Schicksal, was Ihren Lebensweg begleitet hat, ist Thema im Landeshaus. An dem Ort, der für das Land Schleswig-Holstein und dessen Verantwortung steht.
Sie werden uns im Plenarsaal des Schleswig-Holsteinischen Landtags Erlebtes schildern, über ihr Leben berichten, Beschwernisse und Probleme schildern, die ihr Leben begleiten - und wir werden aufnehmen, was Sie uns zu sagen haben. Am Nachmittag werden wir uns anhand von Fachvorträgen dem Thema wissenschaftlich nähern. Damit wollen wir von Seiten der Politik, von Seiten des Landes einen Beitrag leisten, deutlich zu machen, dass wir uns Ihrer schweren Belastungen bewusst sind - und Ihnen hoffentlich ein wenig helfen, weiter mit Selbstvertrauen und Kraft weiter den Weg in die Zukunft zu gehen.
Und natürlich stellen Sie uns die Frage, ob wir noch mehr tun können. Ja, darüber werden wir nachdenken müssen. Einiges ist auf den Weg gebracht – aber genügt dies? Dürfen Pharma-Konzerne so davon kommen? Muss der Staat sich mehr engagieren? Ich gehe davon aus, dass sich am Ende dieses Symposiums die Frage noch dringlicher stellen wird.
Für meine Kolleginnen und Kollegen im Sozialausschuss - gewiss wie auch für den Sozialminister und seine Mitarbeiter - wird diese Tagung nicht das Ende der Beratungen sein, sondern ein - weiterer - Anstoß, nach Wegen für mehr Gerechtigkeit zu suchen.“